
Fuggerei in Augsburg zieht 200.000 Gäste jährlich an
88 Cent Miete für Bedürftige
Die älteste bestehende Sozialsiedlung der Welt ist seit kurzem noch stärker in den Fokus deutschsprachiger Reisender gerückt: Die Fuggerei in Augsburg, gegründet vom Kaufmann Jakob Fugger im Jahr 1521, zieht heute jedes Jahr über 200.000 Besucherinnen und Besucher an. Was außen anmutet wie eine pittoreske Zeile aneinandergereihter Altstadthäuser, entpuppt sich auf den zweiten Blick als außergewöhnliches Reiseziel und einzigartiges soziales Experiment, das heute für nur 88 Cent Jahresmiete Bedürftigen ein Zuhause bietet. Die jüngsten Zahlen zur Besucherentwicklung und der fortgesetzte Betrieb durch die Fuggerstiftung zeigen, wie lebendig das Erbe Fuggers in moderner Zeit bleibt.
Das Wichtigste im Überblick
- Die Fuggerei in Augsburg existiert seit 1521 als weltweit erste Sozialsiedlung.
- Bewohnerinnen und Bewohner zahlen nur 88 Cent Miete pro Jahr, müssen aber bestimmte Voraussetzungen erfüllen.
- Pro Jahr besuchen mehr als 200.000 Touristinnen und Touristen das Ensemble.
- Die gemeinnützige Fuggerstiftung sichert den Fortbestand der Anlage bis heute.
Ein Rundgang durch 500 Jahre gelebte Geschichte
Wer am Jakobsplatz eintritt, betritt eine eigene, abgeschlossene Welt mitten in Augsburg. Hier reihen sich 67 Häuser mit 142 Wohnungen, Gassen, eine Kirche, ein Biergarten und sogar mehrere kleine Museen – die Fuggerei wirkt wie ein begehbares Zeitdokument. Besucherinnen und Besucher können original eingerichtete Wohnungen aus vergangenen Jahrhunderten besichtigen und erfahren, wie wenig sich die Prinzipien sozialer Fürsorge seither verändert haben. Die günstige Jahresmiete dürfen aber nur offiziell als Bedürftige anerkannte Katholikinnen und Katholiken aus Augsburg zahlen. Mit einem Eintrittspreis ab 8 Euro pro Erwachsener ermöglicht die Fuggerstiftung Einblicke in ein funktionierendes Sozialmodell.
Die Bedingungen: Mehr als nur symbolische Miete
Doch nicht nur der Mietpreis sorgt für Aufmerksamkeit. Neben Bedürftigkeit und Konfessionszugehörigkeit verpflichtet der Mietvertrag bis heute zu drei täglichen Gebeten für den Gründer Jakob Fugger. Dies ist bis jetzt ein unkontrolliertes Ritual, das jedoch Zeugnis davon ablegt, wie eng Religiösität, Gesellschaft und Wohnen im 16. Jahrhundert verbunden waren. Wer nach 22 Uhr heimkommt, zahlt am Tor eine kleine Wegegebühr – eine Tradition, die als liebevoll-skurriles Element den Alltag bis ins 21. Jahrhundert begleitet. Die Nebenkosten für die etwa 60 Quadratmeter großen Wohnungen betragen nach aktuellen Angaben rund 90 Euro monatlich.
Nachhaltige Finanzierung durch vielfältige Aktivitäten
Das außergewöhnliche Wohnprojekt wird bis heute von der gemeinnützigen Fuggerstiftung finanziert, deren Einnahmen aus Forstwirtschaft, Immobilien, Windenergie und weiteren Wirtschaftsbereichen stammen. Besonders Reisende mit Interesse an Geschichte, Sozialpolitik oder Architektur erleben beim Rundgang durch die Gehöfte nicht nur eine faszinierende Era der Wohlfahrt, sondern auch ein heute noch aktiv genutztes, lebendiges Quartier.
Für die nächsten Monate sind verschiedene Veranstaltungen zur Geschichte des sozialen Wohnens geplant, über die die Fuggerstiftung öffentlich informiert. Damit bleibt die Fuggerei nicht nur eine touristische Besonderheit, sondern auch ein Labor gelebter Stadtkultur, das die Reise nach Augsburg unverwechselbar macht.

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